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Die Texte sind in vier Abschnitte unterteilt: Skizzen, Stimmungen, Erotika, Betrachtungen.

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Texte

Kommentare

Skizzen

Theresa Züger: Traumgewand


Ich verkannte dich.
Du spürst die Wände,
um sie zu durchdringen.
Die Luft der Grenzen macht süchtig.
Auf der anderen Seite bist Du ich.


Traumgewand,
aus Schreien gewoben,
lässt mich tiefer fallen in Dich,
wie auch Du gefallen bist.


Ich durchschlage dich,
mit Nägeln,
ich muss.
Es war nicht genug Dich zu hängen.
Nichts was uns hält,
außer uns selbst.
Du schmerzt, als wäre es mein Blut,
doch Du blutest nicht.


Du blickst mich an,
durch papierdünne Wände,
traumgewandt.

Anne Schimkus: frühe sommer


zottelkind, armes, kleines:
bist du der grube noch entronnen,
die man heimat nennt
im dunkelroten leichtsinn.


ein paradies, das wahrlich
die väter schufen.
aus plastemanifesten
mit überzeugungen aus holz.


von weit her dröhnt der duft der wälder
und der salzige wind,
der auch wangen trocknen kann,
zerzaust dein haar.


wie die kleine schreien wird,
wenn man ihr das weiße hütchen abnimmt.
sie strähne für strähne befreit von dieser kleinen ahnung.
zwischen den zähnen knirscht noch sand
und in der anderen hand die schippe.


mein prinz, komm in die burg.
wisch mir den dreck aus dem gesäß.
da vorn liegt mein schlauchboot.
na gut, ein kanu aus gummi und luft.
lass uns die paddel graben
durch dies weise, alte meer
voller hoffnung für die es keinen ausgang gab.
hinweg über den schweigenden blick der mutter.


hätte man doch nicht geahnt,
wohin dies wasser führt.
den anderen strand,
an den auch wellen schwappen,
hätte ich mir nicht ersehnt.

Stimmungen

Tobias Sommer: Spielplatz


In das Haus meiner Kinder
eingezogen
ein kurzer Stopp
letzte Ausfahrt vor der Grenze
den Rucksack für eine Reise geleert
der Parkettboden erwartet den
ersten Besucher seit nur noch
Grundmauern die Räume bilden
ich puste Bekanntes aus Ruß
von verbrannten Fotos
Initialen auf Porzellan und Sitzplätze am
Küchentisch fordern das Erinnern
doch ich weigere mich und
gehe auf den Balkon
suche unverbrauchte Luft
und sehe den Ort der übrig blieb
meine Kindheit zwischen
Schaukel und Rutsche
die Mauer aus Gefühlskälte bröckelt
und im Sandkasten eine Coladose
auf die man treten muss

Ulf Großman: Nachtränder


in manchen Nächten
die sich Stunde um Stunde
totschlagen lassen
hängt dein Abgang
wie ein Umriss
in der Tür
lösche ich
das Licht im Haus
will ich dunkel
am Nachtrand balancieren
nur ein unberufener Mond
zwängt sich
in Augenblicke
bringt durch die Jalousie
dem Raum Geometrie bei
das Flechtwerk trete ich
mit stillen Schritten
dem Fenster nah
der Ausblick zeigt
ein gedürertes Rasenstück
die Irrsplitter
das Samtnetz
fleckenloses Schweigen
mir entfaltet sich
mehr hinter den Augen
als wahrscheinlich
trägt Trug in sich
diese Wolkenlücke
als Silberlache im Gras
pflück ich Jahre ab
den ächzenden Windzug
im Garten liegen Schafspelze
verborgener Wesen
Wolfsgestalten, Wolfsgenerationen
auf eigener Elendsuche
zwischen den Reflexen der Bäume
in Zeiten wie ich
sortiert nach
verklärten Momenten
muss man sich anhören
wie es nicht wäre
wieder sitze ich
blinzt Mondlicht mir
eine eigenartige Glätte
sucht nach verborgenem Ich
das Zwiesprache sehnt
in dieser mit Schweigen
überzogenen Beschattung
zu Nachtblind
zum Morgen
ohne dich
in der Tür

Erotika

Andreas Riga: Deine Sorte


Es regnet
Und ich nehme mir vor
Bessere Gedichte zu schreiben
Oder einfach ein neues
Und denke daran
Wie sehr du den Regen
Herbei sehnst
Auf dein Dach


Und im Bett
Erinnere ich den Duft deiner dunklen
Zigaretten
Die Du jetzt ohne mich rauchst


Auf dem Nachtweg
Zum Automaten
Weil
Ich ohne
Zigaretten nicht schreiben
Kann
Spüre ich den Regen
Den du vermißt
Und stelle fest


Deine Sorte gibt es nicht
Am Automaten

Julia Knapp: Ich möchte eine Hand


Ich möchte eine Hand
die meinen Kopf nimmt,
ganz sanft
und ihn hält,
einen Augenblick nur.
Es ist so viel vergangen,
und er ist ganz schwer
Einen Moment nur,
dann
stehe ich wieder auf
und zeige
und stehe
und schenke wieder
Einen Moment nur,
dann
können meine Hände wieder geben,
dann
bin ich wieder ganz wach,
einen Bruchteil
der Ewigkeit
gib mir
und dann,
lass ihn sanft los.
Ich werde mein Haar schütteln
und ganz frei sein.

Betrachtungen

Xenia Diaz Orejarena: Gezeitigt


Wieso sollte ich sie finden,
die verlorenen Stunden,
die verwegen provokant,
wie balzende Paradiesvögel,
vor der hastenden Zeit posieren,
um letztlich doch erkennen zu müssen,
das sie nicht wurden, nicht sind -
außer eine flüchtige Illusion.

Theresa Züger: Mondstein


Kein Gedanke ist Verschwendung
Überfluss füllt verdorrte Weidengassen
ich kann wieder an den Frühling glauben.
Glauben, dass die Gezeiten sich den Mythen entziehen,
wogen, wie die Welt sich wiegt im Takt des Zerfalls
zu neuen Himmelsphären.


Keine Sehnsucht ist Vergebens,
ist sie auch blind und zehrend
vergeben ist sie
verziehen
die Schwäche
aus der wir in dunklen Stunden
unserer Seele Kleider spinnen.


Kein Herzschlag ist wertlos
weiß er auch nicht, wie weit er unsere Feuer spült
im Taumel versickernd, gestrandet küssten.
Skylla, mein Herz, ruf mich Heim, bevor es zu spät ist
schweig solang Du kannst,
noch beben mein Blut und das Meer.

Simon M. Jonas: Salz an der Tür
(in memoriam Alexander Jäger)


Risse in den Wänden
erbrechen ein Gewächs.
Das Haus ist nur beinahe leer.
Einer bleibt zurück.


Ein jahrelanges Beben
rüttelt an den Blicken.
Der Garten wuchert und verwildert
in den Köpfen.


Körperlos beim Gehen.
Salz fließt an der Tür.
Der Apfel fault.
Unsere Sünde ist vorbei.

Die Frage bläht sich auf
und platzt.
Außer einem lauten Knall
bleibt nichts.


Nur Frieden.

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