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Zu Gefühlen
Steffi: Dein „Bildentwurf mit einem Mädchen“ zeigt mir zunächst, fast wie ein vorgehaltener Spiegel, mich selbst, wie ich einmal war, zu einer Zeit zwischen 15 und 18 vielleicht. Voller Träume, Erwartungen und unbändiger Neugier. Ein Teenager eben.
Danach „sehe“ ich das Bild der jungen Frau, vom Alltag eingeholt, ihrer Illusionen fast beraubt, mit kurzen und klaren Worten, ganz ohne Schnörkel, ganz unvermeidlich. Auch diese Frau ist mir selbst sehr ähnlich.
Letztendlich „sehe“ ich das Gesicht der verblühten äußerlichen Schönheit. Vielleicht sogar das zerfurchte Gesicht einer Greisin, zurückblickend auf ein scheinbar erfülltes Leben. (Zum Glück habe ich bis dahin noch einige Jahre Zeit.)
Dennoch stelle ich mir oft ähnliche Fragen, und mich beschleichen am Ende leise Zweifel. Im Raum steht die Frage, die sicher oft gestellt wird: „War das schon alles?“ „War das ein ganzes Leben?“ „Gäbe es eine zweite Chance, würde ich sie nutzen und alles anders machen?“
Und schon ist da diese Stimme, in Deinem Text und auch in meinem Leben, die zu rufen scheint, das Leben mit beiden Händen zu greifen und es einfach zu Leben, bevor es zu spät ist.
Nun bleibe ich erstaunt zurück, denn keine Frau hat diese Zeilen geschrieben, um ihren „Schwestern“ einen hilfreichen Rat zu geben, nein, ein Mann. Woher nimmst Du dieses Einfühlungsvermögen, woher weißt Du so viel über weibliche Gefühle. Dabei heißt es allgemein, kein Mann kann mit der Gefühlswelt einer Frau wahrhaftig etwas anfangen.
Oder ist das alles ganz anders? Ist es eigentlich egal und unabhängig vom Geschlecht, einfach ein Gefühl.

A.Sternowski: Nun ja, vielleicht sind Männer auch so etwas wie Menschen... Ich weiß nicht, ob eine Grundempfindsamkeit, Empathie, Selbstreflexion, Offenheit auf Gefühle weiblich oder einfach menschlich ist. Und die Männer sich nur, genetisch vorbelastet, schwerer damit tun. Ich lebe meine Gefühle: nur Gefühle können glücklich (leider auch unglücklich - das gehört wohl zum Paket dazu) machen.

Ina Alexandra aus Wetzlar: ...Was ich meinte, war nicht, dass die Vernunft unbedingte Zensur über spontane Regungen ausüben sollte... Ich bin deiner Meinung, dass sie schließlich auch auf dem Gefühl beruht. Ich bin Musikerin, und da ist es ähnlich: sich einfach in einer Phrase zu verlieren macht sie zuweilen nicht so verständlich und anrührend, wie wenn man sie zuerst analysiert und durchdacht hat... Es ist immer eine Mischung...

A.Sternowski: Ich glaube, dass mit der musikalischen Interpretation nicht anders ist als mit jeder anderen Kunstart: zuerst gibt es die Form, die Komposition, die in dem Spannungsfeld zwischen dem Ratio und der Inspiration entsteht. Sie muss eine grundlegende, weil in die Tiefe der Seele, in die Tiefe der Empfindung gehende, Spannung aufweisen. Diese Grundkonstruktion wird dann aber entsprechend der Kunstart durch Farben, Melodien oder Bilder zum Leben erweckt und zu etwas Schönem gemacht. Ich stelle mir also eine musikalische Interpretation so vor, dass ich das Werk zuerst verstanden haben muss, für mich, innerhalb der Koordinaten meiner inneren Welt (der erste Schritt der Interpretation) und danach die einzelnen Phrasen mit meinen Gefühlen zum Leben erwecken muss (der zweiter Schritt der Interpretation). Beides ist unabdingbar. Mit anderen Worten: Nachdem ich das Werk verstanden habe, muss ich bei der eigentlichen Umsetzung (die Interpretation im herkömmlichen Sinne: Einüben, Konzert) meine Fähigkeit zu Analyse vergessen und mich ganz meinen Gefühlen hergeben.
Die Maler oder die Schriftsteller sind da nicht anders: sie möchten sich genauso verwirklichen, mitteilen, sie sind genauso intensiv auf der Suche nach dem Sinn und nach Liebe... Die Musik macht es nur ihren Künstlern viel einfacher, ihre Emotionen zum Ausdruck zu bringen. Emotionen sind ja der Stoff, aus dem Musik gemacht ist.

Katharina aus Frankfurt: Ich habe eine ganze Weile mit der E-Mail gezögert. Es ist nicht einfach sich an jemanden zu wenden, der einen so tief berührt hat. Klingt es paradox? Nun ja, Unbedeutendes zu jemandem Unwichtigen zu sagen würde mir nicht so schwerfallen.
Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit meiner Tochter über die Liebe, die zwischen einer Frau und einem Mann. Ich war überrascht, daß sie, 16jährig, den Unterschied zwischen dem "verliebt sein" und einem lange gereiften Gefühl zweier Menschen anerkennt. Was antworten Sie auf die Frage ihrer Kinder: was ist Liebe?

A.Sternowski: Nun, ich habe keine Kinder. Aber ich kenne die Frage. Die Antwort darauf wächst mit mir mein Leben lang.
Unsere Sehnsucht nach diesem wunderbaren Gefühl des Neuen, das ich mit einem Sturz, mit Entflammen, mit dem Fliegen, mit Aufblühen vergleichen möchte, bestimmt natürlich unser Denken über die Liebe. Unser Körper und unsere Seele, unsere Hormonen und unser Herz warten (hoffentlich) unser Leben lang darauf zu entflammen. (Diese Fähigkeit ist wahrscheinlich das beste Unterscheidungsmerkmal zwischen denen, die sich noch jung fühlen und denen, die schon alt sind - nicht das Alter selbst.) Aber ich weiß, dass es auch Gefühlswelten darunter gibt, Liebe, die in die Tiefe des Menschen geht, bis zu den letzten Winkel seiner Wurzeln, diese Liebe, die ich mit einer ruhigen, aber gerade deswegen Leben spendenden Flamme vergleichen möchte.
Wenn man beides mit einem und demselben Menschen durchleben kann, ist das das Glück, das uns randvoll erfüllen kann.


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